Die Verleihung des Beierpreises 2010 an Gabriele Beyerlein,
fand am 26. September in der Stadtbibliothek Kronberg,
in Anwesenheit des Bürgermeisters, Herrn Klaus E. Temmen statt.
Die gut besuchte Veranstaltung wurde von Carla Kleinau,
kommissarische Vorsitzende der LIT moderiert.
Sie begrüßte u. a. auch die Witwe Gerhard Beiers, Ulla Beier.
Carla Kleinau dankte insbesondere dem Stifter des Preisgeldes,
dessen persönliches finanzielles Engagement, die Preisverleihung
in diesem Jahr überhaupt nur möglich gemacht hatte.
Ebenso dankte sie der Leiterin der Stadtbibliothek Kronberg,
Frau Neubert-Deinhardt für die Unterstützung bei der
Durchführung der Veranstaltung in den Räumen der Stadtbibliothek.
Paul Pfeffer, Mitglied der Jury hielt die Laudatio:
Meine Damen und Herren,
wir haben uns heute in dieser schönen Stadtbücherei von Kronberg
versammelt, um den Gerhard-Beier-Preis 2010 zu verleihen. Ich freue
mich über den regen Besuch und bedanke mich bei unserer Gastgeberin,
Frau Deinhardt. Ganz besonders herzlich möchte ich Frau Ulla Beier begrüßen.
Der Gerhard-Beier-Preis ist insofern etwas Besonderes, als er meines Wissens
der einzige Literaturpreis ist, der für literarische Werke verliehen wird,
die auf sozial- und gesellschaftspolitische Hintergründe in besonderer Weise eingehen. Dass das so ist, liegt natürlich am Namensgeber.
Gerhard Beier war Kronberger und hat sich mit zahlreichen Veröffentlichungen
über die Geschichte der Arbeiterbewegung, insbesondere der Gewerkschaften,
einen Namen gemacht. Er war aber auch Erzähler und Lyriker sowie Mitbegründer der Literaturgesellschaft Hessen. Unter diesem Aspekt ist es nur folgerichtig, dass eben diese Literaturgesellschaft einen Gerhard-Beier-Preis vergibt und dass bei der Verleihung dieses Preises die Sozialgeschichte eine herausragende Rolle spielt.
Ich hatte das Vergnügen, Gerhard Beier persönlich kennen zu lernen. Wir haben vor Jahren hier in Kronberg eine gemeinsame Lesung veranstaltet, die ich noch in sehr guter Erinnerung habe. Er war ein Mann, der Umständlichkeiten und Konventionen hasste, seine Standpunkte sehr pointiert vertrat und vor Auseinandersetzungen nicht zurückscheute. Außerdem war er ein Genießer und Lebenskünstler. Keine schlechte Kombination für einen Historiker und Literaten. Mich freut, dass es diesen Preis gibt, und ich betrachte es als eine Ehre, Mitglied der Jury gewesen zu sein.
Die Jury bestand aus Carla Kleinau, Sela König (die aus familiären Gründen heute leider nicht anwesend sein kann) und mir, Paul Pfeffer. Wir hatten 20 insgesamt Bücher zu lesen und zu bewerten. Nach sorgfältiger Prüfung kamen vier Werke in die engste Auswahl. Diese Bücher möchte ich Ihnen kurz vorstellen, denn jedes von ihnen hätte den Preis verdient gehabt.
Es sind:
Pete Smith: So voller Wut
Der Autor greift ein aktuelles Thema auf. Es handelt sich um die gut konstruierte Geschichte eines Amoklaufes an einer Frankfurter Schule. Den Schluss fanden wir vielleicht etwas melodramatisch, sonst ist der Roman mitreißend und fesselnd erzählt. Pete Smith gelingt es überzeugend, zu zeigen, wie vor dem Hintergrund negativer persönlicher Erfahrungen in den Köpfen junger Leute der Plan entstehen kann, sich ziellos und heillos an der Gesellschaft zu rächen, sich selbst und andere zu zerstören.
Daniel Twardowski: Tod auf der Northumberland
Es handelt sich in unseren Augen um einen stilistisch gelungenen historischen Kriminalroman, wobei wir fanden, dass die ausführlichen Rückblenden vom Schiff „Northumberland“ in die englischen Kohlenminen teilweise etwas konstruiert sind, um den sozialen Hintergrund des Protagonisten John Gowers zu beleuchten. Nichtsdestoweniger sind es gerade diese Szenen aus der frühen Geschichte der Industrialisierung in England, die den Leser durch ihren Detailreichtum und ihre erzählerische Kraft beeindrucken.
Ella Theiss: Die Spucke des Teufels
Es handelt sich um einen farbig erzählten historischen Roman über ein Frauenschicksal im 18. Jahrhundert. Die Autorin gibt einen Einblick in das Leben am Niederrhein zu Zeiten Friedrichs II von Preußen und der preußischen Besetzung. Sozialgeschichtlich interessant und erzählerisch hervorragend gelöst ist die Verbindung des Schicksals der Protagonistin mit der Geschichte der Einführung der Kartoffel im westlichen Deutschland. (Es gibt sogar einige historische Kartoffelrezepte in dem Buch.) Die Autorin präsentiert dem Leser kein Happy End, sondern lässt die Protagonistin mit ihrem grausigen Geheimnis am Ende untergehen.
Meine Damen und Herren, es war wie gesagt eine enge Entscheidung. Aber wir haben uns letztlich doch einstimmig entschieden.
Der Gerhard-Beier-Preis 2010 geht an
Gabriele Beyerlein: für ihren Roman Es war in Berlin
Gabriele Beyerlein ist 1949 in Bayern geboren und lebt in Darmstadt. Sie studierte Psychologie in Erlangen und Wien, promovierte mit einer sozialpsychologischen Arbeit und begab sich anschließend in die Forschung. Sie hat sich aber dann doch für das Schreiben entschieden. Seit 1987 ist sie freie Schriftstellerin. Sie schrieb vor- und frühgeschichtliche Abenteuerromane und fantastische Romane.
In ihren historischen Romanen beschäftigte sie sich mit der Situation von Frauen und Mädchen im Laufe der Jahrtausende. Dieses starke Interesse an der Geschichte von Frauen prägt auch ihren Roman Es war in Berlin.
Das Buch ist Teil einer Berlin-Trilogie, die im Wilhelminischen Deutschland spielt. Nach In Berlin vielleicht, der Geschichte eines Dienstmädchens, und Berlin, Bülowstraße 80a, einer Mutter-Tochter-Geschichte aus dem bürgerlichen Milieu, ist Es war in Berlin der dritte Band dieser Trilogie.
Wenn Gerhard Beier den Plot des Romans gekannt hätte, hätte er sicher breit gegrinst. Zwei junge Frauen, eine von Adel, die andere Proletarierin, lieben denselben Mann, einen Dichter, der zu allem Überfluss auch noch Sozialist ist.
Beide Frauen emanzipieren sich durch die Erfahrungen mit den Widerständen
und Verwicklungen, die sich aus dieser Konstellation ergeben, und finden zu sich selbst. Das ist normalerweise der Plot für einen typischen Frauenroman.
Aber es kommt eben darauf an, was man daraus macht. Gabriele Beyerlein
hat das Kunststück fertig gebracht, einen unterhaltsamen und gleichzeitig
höchst informativen Roman über die Zeit in Deutschland zu schreiben, in der die Arbeiterbewegung und die erste Frauenbewegung entstanden sind. Die Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin, damals der Brennpunkt der politischen Ereignisse und Entwicklungen. Gerhard Beier hätte seine Freude daran gehabt,
wie hervorragend die unterschiedlichen Milieus recherchiert und wie anschaulich
sie beschrieben sind, wie lebendig die Protagonisten erscheinen, wie nahe sie der Leserin und dem Leser kommen.
Die brennenden gesellschaftlichen und politischen Themen der damaligen Zeit werden, vermittelt über die literarischen Figuren, aus der Abstraktion der Geschichtsbücher geholt und dem heutigen Lesepublikum farbig vor Augen geführt.
Als Beispiel sei hier die Vielgestaltigkeit und auch Widersprüchlichkeit der ersten Frauenbewegung genannt. Die Autorin zeigt sehr deutlich die Unterschiede der Situation von gut situierten Frauen aus dem gehobenen Bürgertum und dem Adel, die sich in Wohltätigkeitsvereinen zusammenschließen, und dem täglichen Kampf ums Überleben der Proletarierinnen, bei denen die nackte Not den Zusammen-schluss erzwingt. Es sind nicht nur Unterschiede in den Interessen und Motiven,
es sind tiefgreifende Klassenunterschiede, die nicht einfach dadurch zu über-
decken sind, dass es sich immer um Frauen handelt, die unter den bedrückenden patriarchalischen Verhältnissen leiden.
Der Riss, der durch die damalige Gesellschaft geht, ist ein ökonomischer und sozialer, der Männer und Frauen gleichermaßen betrifft und der politische und persönliche Entscheidungen erzwingt. Margarethe von Zug, die Adlige, und Clara Bloos, die Arbeiterin, aber auch der Dichter Johann Nietnagel, müssen sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen.
Die positive Botschaft des Romans liegt darin, dass sie sich sämtlich für ihre
jeweils spezifische Art der Emanzipation entscheiden. Sie nehmen ihr Leben
selbst in die Hand und treten für ihre Rechte sowie eine humanere
Gesellschaft ein. Das gilt besonders für die beiden weiblichen Hauptpersonen,
deren Weg zur Selbstbestimmung unter den damaligen Umständen beschwerlicher ist als der des Mannes.
Vor diesem Hintergrund bekommen auch die Liebesgeschichten eine tiefere Bedeutung. Der von beiden Frauen geliebte Johann Nietnagel ist ein Dichter,
dem die soziale Frage auf den Nägeln brennt. Die Autorin legt ihm sozialkritische Verse des expressionistischen Dichters Arno Holz in den Mund, ein Kunstgriff, den wir für besonders gelungen halten. Gerade dieses Engagement für die Ausgebeuteten und Rechtlosen macht ihn für beide Frauen liebenswert. Der Roman stellt jedoch klar, dass die Liebesbeziehungen nicht mehr nur Privatangelegenheit sind. Vielmehr sind sie untrennbar verknüpft mit den gesellschaftlichen Bedingungen und den sozialen Kämpfen der damaligen Zeit.
Gabriele Beyerlein hat das Verdienst, diese Verschränkung von Privatem und Politischem in ihrem Roman überzeugend dargelegt zu haben.
Ein weiterer Grund, weshalb wir den Roman ausgewählt haben, ist seine außerordentlich gute Lesbarkeit. Wir halten es für möglich, dass auch Leserinnen
und Leser, die freiwillig kein Geschichtsbuch in die Hand nehmen würden, diesen Roman verschlingen, mit den Protagonistinnen lachen und weinen und ganz
nebenbei etwas über die gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland
am Ende des 19. Jahrhunderts erfahren.
Noch einmal: Der Roman ist eine gelungene Synthese von Unterhaltung und Information. Auch das hätte Gerhard Beier gefallen.
Dass am Ende des Buchs einige historische Erläuterungen und ein Personen-
Glossar stehen und dass die Autorin ausführlich auf ihre Quellen hinweist, ist
verdienstvoll und benutzerfreundlich.
Meine Damen und Herren, ich hoffe, ich habe Ihre Neugier und Leselust geweckt.
Es würde mich – und uns als Jury – freuen, wenn Sie den Roman Es war in Berlin auf die short-list Ihrer demnächst zu lesenden Bücher setzen würden.
Liebe Frau Beyerlein, wir beglückwünschen Sie zum Gerhard-Beier-Preis 2010
und wünschen Ihrem Roman weite Verbreitung. Ihnen wünschen wir
ausreichend Zeit für ergiebige Recherchen sowie weiterhin viel Schaffenskraft.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
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Auf dem oberen Foto flankieren Carla Kleinau und Paul Pfeffer die Preisträgerin Gabriele Beyerlein, die sich auf dem unteren sichtlich über die Auszeichnung freut. |


